Eine Ausstellung mit ausgewählten Werken der Sammlung Valeria Rodnianski bei Beck & Eggeling, kuratiert von Antonio Geusa und Kay Heymer
Art from War to War: Chasing Butterflies on the Verge of a Cliff entfaltet sich entlang eines historischen Bogens, der von zwei gewaltsamen Zäsuren markiert ist: dem Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961 und Russlands groß angelegter Invasion der Ukraine im Jahr 2022. Zwischen diesen beiden Schwellen liegt eine lange und komplexe Epoche, geprägt von ideologischer Konfrontation, politischen Umbrüchen und tiefgreifenden kulturellen Transformationen.
Die Ausstellung versammelt Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland sowie aus dem sowjetischen und postsowjetischen Raum – Kontexten, die während des Kalten Krieges durch den Eisernen Vorhang zwischen den beiden siegreichen Blöcken des Zweiten Weltkriegs voneinander getrennt waren. Viele dieser Künstler arbeiteten unter Bedingungen von Zensur, ideologischem Druck und historischer Traumatisierung und bewegten sich zugleich im Spannungsfeld von Verheißungen und Scheitern konkurrierender utopischer Entwürfe. Auch nach 1989, als die Berliner Mauer fiel und die Sowjetunion zerbrach, verschwanden die intellektuellen und psychologischen Strukturen jahrzehntelanger Teilung nicht einfach – sie wandelten sich und wirkten in neuen, oft unerwarteten Formen fort.
Anstatt einen unmittelbaren Vergleich zwischen den beiden geografischen Räumen zu präsentieren, eröffnet die Ausstellung einen Dialograum zwischen den gezeigten Werken. In drei thematische Sektionen gegliedert – Topos, Anthropos und Logos – reflektiert sie Ort, menschliche Erfahrung und Sprache als zentrale Dimensionen, in denen Künstler auf ihre Zeit reagieren.
Der Titel der Ausstellung greift eine ebenso poetische wie verstörende Metapher aus einem Gedicht des italienischen Dichters Camillo Sbarbaro auf, der das Jagen von Schmetterlingen am Rand einer Klippe als Bild der Entfremdung von den Lebensläufen der Menschen beschreibt. Dieses Bild korrespondiert mit einer Erfahrung, die viele der hier vertretenen Künstler teile...
Die Ausstellung versammelt Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland sowie aus dem sowjetischen und postsowjetischen Raum – Kontexten, die während des Kalten Krieges durch den Eisernen Vorhang zwischen den beiden siegreichen Blöcken des Zweiten Weltkriegs voneinander getrennt waren. Viele dieser Künstler arbeiteten unter Bedingungen von Zensur, ideologischem Druck und historischer Traumatisierung und bewegten sich zugleich im Spannungsfeld von Verheißungen und Scheitern konkurrierender utopischer Entwürfe. Auch nach 1989, als die Berliner Mauer fiel und die Sowjetunion zerbrach, verschwanden die intellektuellen und psychologischen Strukturen jahrzehntelanger Teilung nicht einfach – sie wandelten sich und wirkten in neuen, oft unerwarteten Formen fort.
Anstatt einen unmittelbaren Vergleich zwischen den beiden geografischen Räumen zu präsentieren, eröffnet die Ausstellung einen Dialograum zwischen den gezeigten Werken. In drei thematische Sektionen gegliedert – Topos, Anthropos und Logos – reflektiert sie Ort, menschliche Erfahrung und Sprache als zentrale Dimensionen, in denen Künstler auf ihre Zeit reagieren.
Der Titel der Ausstellung greift eine ebenso poetische wie verstörende Metapher aus einem Gedicht des italienischen Dichters Camillo Sbarbaro auf, der das Jagen von Schmetterlingen am Rand einer Klippe als Bild der Entfremdung von den Lebensläufen der Menschen beschreibt. Dieses Bild korrespondiert mit einer Erfahrung, die viele der hier vertretenen Künstler teilen. Was deutsche Nachkriegskünstler mit jenen aus dem sowjetischen und postsowjetischen Raum verbindet, ist nicht allein das Erbe zerfallener Imperien, sondern ein persistentes Gefühl der Entwurzelung. Imperien zerfallen, Grenzen verschieben sich, politische Systeme lösen sich auf – doch die Künstler bleiben häufig in einem fortdauernden Prozess historischer Transformation gewissermaßen suspendiert.
Die deutschen Nachkriegskünstler sahen sich dabei einer besonderen Herausforderung gegenüber: Sie mussten ihre eigenen Kriegstraumata bewältigen und waren zugleich mit einer neuen ästhetischen Ideologie konfrontiert, in der die Abstraktion als entscheidende Metapher für demokratische und intellektuelle Freiheit propagiert wurde. Künstlerische Freiheit erwies sich in gewisser Weise als zweischneidig. Die Arbeit mit literarischen oder gegenständlichen Motiven konnte Misstrauen hervorrufen und führte nicht selten zu Marginalisierung – eine Situation, die sich erst mit dem Aufkommen der Postmoderne und einem Klima des „Anything goes“ allmählich auflöste.
Die Ausstellung vermeidet es daher, Geschichte als lineare Fortschrittserzählung darzustellen. Stattdessen begreift sie Kunst als einen Raum, in dem Gesellschaften Traumata verarbeiten, alternative Zukünfte imaginieren und in dem sich Bedeutungen formen, durch die die Vergangenheit im Nachhinein verstanden wird. In diesem Zusammenhang überlagern sich jüngste Vergangenheit und Gegenwart. Die schwebende Zeitlichkeit früherer Konflikte durchdringt weiterhin die psychologische und kulturelle Atmosphäre der geopolitischen Spannungen, in denen wir heute leben – und erinnert daran, dass Geschichte niemals vollständig vergangen ist, sondern als instabiler Horizont immer wieder in der Kunst sichtbar wird.
Die Sammlung von Valeria Rodnianski ist tief in gelebter Erfahrung zwischen der Sowjetunion, Deutschland, der Ukraine und Russland verwurzelt und stellt eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit jener Geschichte dar, die ihr Leben und das ihrer Familie geprägt hat. In Kyjiw geboren und aufgewachsen, begegnete sie den Katastrophen des 20. Jahrhunderts zunächst durch familiäre Erzählungen und Literatur.
Erst in Deutschland entdeckte sie, dass die bildende Kunst eine vergleichbare Ausdruckskraft entfalten kann wie die Literatur. Künstler wie Anselm Kiefer, Gerhard Richter, A. R. Penck und Georg Baselitz zeigten, dass sich Trauma, Erinnerung und Schuld im Bild mit gleicher, bisweilen sogar größerer Präzision artikulieren lassen als im Wort.
Die Sammlung umfasst den Zeitraum von 1961 bis 2022 – vom Bau der Berliner Mauer bis zum Krieg in der Ukraine – und entstand nicht als bewusst angelegtes historisches Projekt. Sie entwickelte sich intuitiv, geleitet von dem, was Valeria als ein nahezu körperliches Gefühl der Wiedererkennung beschreibt: Werke, die Gedanken bestätigten, bevor diese vollständig formuliert waren.
Im Zentrum der Sammlung steht ein Dialog zwischen zwei posttotalitären Erfahrungshorizonten: dem deutschen Nachkriegskontext und dem postsowjetischen Raum. Während die deutsche Kunst ihre Vergangenheit laut und kompromisslos verhandelte, sprach die Kunst der ehemaligen Sowjetunion häufig in einer verschlüsselten Sprache – einer Sprache des Überlebens innerhalb des Systems.
Was diese beiden Traditionen verbindet, ist, so Valeria, nicht nur eine geteilte Geschichte, sondern eine gemeinsame Erfahrung der Entwurzelung: das Leben im Zustand des Bruchs, wenn die vertraute Welt zerfallen ist und eine neue noch nicht Gestalt angenommen hat.
Der russische Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 brachte die innere Logik der Sammlung schließlich mit aller Deutlichkeit zum Vorschein. Werke, die zu unterschiedlichen Zeiten erworben wurden, offenbarten eine gemeinsame Linie: die Verletzlichkeit menschlicher Würde angesichts historischer Kräfte. Die Ausstellung ist, in Valerias Worten, sowohl eine Gelegenheit, Werke von Künstlern zu zeigen, die sie zutiefst schätzt, als auch eine ethische Geste – eine Bekräftigung menschlicher Erfahrung und künstlerischer Reflexion in einer Welt, in der politische Systeme immer wieder versuchen, das Individuum zu unterwerfen.
Künstler:innen
Yuri Albert, Georg Baselitz, Peter Bömmels, Grisha Bruskin, Olga Chernysheva, Valery Chtak, Vladimir Dubossarsky, Marwan, Anselm Kiefer, Valery Koshlyakov, Sasha Kutovyi, Markus Lüpertz, Igor Makarevich, Pavlo Makov, Jonathan Meese, Boris Mikhailov, Andrey Monastyrsky, Albert Oehlen, A. R. Penck, Pavel Pepperstein, Sigmar Polke, Neo Rauch, Gerhard Richter, Alexander Roytburd, Aidan Salakhova, Günther Uecker, Vadim Zakharov
Ausgewählte Werke