Die Rezeption von Chris Reineckes Werk wird bestimmt von ihrer Rolle als eine der maßgebenden Figuren der Avantgarde im Düsseldorf der späten 1960er Jahre. Zweifellos verdient sie als Mitbegründerin und Protagonistin der künstlerischen Kooperative LIDL – für ihre Verbindung von Kunst und Aktivismus mit der Mietersolidarität, für ihre radikale Auflösung des tradierten Kunstbegriffs und für den Versuch, Kunst über partizipatorisches Erfahren zu einer gesellschaftlich und demokratisch transformativen Kraft zu entwickeln – die schon lange überfällige Anerkennung und institutionelle Beachtung, die ihr nun zuteilwird (aktuell zum Beispiel in der Ausstellung 'Grund und Boden' im K21 in Düsseldorf).
Dass Chris Reinecke ihr Werk in den folgenden Jahrzehnten zu einer der originärsten künstlerischen Positionen in Deutschland vorantrieb, blieb den meisten lange im kunsthistorischen Ungefähren verborgen. Die Ausstellung ZEITBLÖCKE folgt dieser künstlerischen Entwicklung von den späten 1970er Jahren bis heute.
Den gewichtigsten Zeitblock der Ausstellung bilden dabei die 1990er Jahre. Bisher selten oder noch nie gezeigte Arbeiten um die zentralen Werkgruppen 'Die Beobachterin verlässt ihren stationären Posten' oder 'Die Sorglosigkeit der Mechanik' zeigen Chris Reinecke abermals als radikale Umgestalterin künstlerischer wie kunsthistorischer Kategorien (und Einschränkungen). In Bild- und Textebenen collagiert sie persönliche Beobachtungen und Betrachtungen ihrer Umgebung (ihr Atelier befand sich damals in Duisburg), Reiseerfahrungen, politische, naturwissenschaftliche, gesellschaftliche Diskussionen und schafft dabei eine Art visuellen „stream of consciousness“ von eigenem Sog und Kraft. Formal und konzeptuell stehen diese Arbeiten gewissermaßen solitär im Gesamtwerk und bilden bei genauer Betrachtung doch eine schlüssige Verbindung zwischen der Malerei der 1980er Jahre und den großformatigen Papierarbeiten, die seit den 2000er Jahren ihr Werk bis heute bestimmen, die weiteren Zeitblöcke der Ausstellung.
Vorbei an den Bedingungen und Erwartungen von Kunstmarkt und -betrieb hat sich Chris Reinecke eine einzigartige Freiheit in ihrem Denken und Schaffen erarbeitet. Indem sie ihre Strategien und Konzepte konstant hinterfragt hat, hat sie ihrem Werk bis heute eine Offenheit und Durchlässigkeit bewahrt, die auch ihren aktuellsten Werken eine bemerkenswerte Zeitgenossenschaft verleihen.
Chris Reinecke lebt und arbeitet in Düsseldorf. Im Juli feiert sie ihren 90. Geburtstag.
Ausgewählte Werke